Du weißt, wann der Arzttermin deiner Mutter ist. Du weißt, welches Kind gerade rausgewachsene Schuhe hat und wer im Team seit Wochen schlecht schläft. Du hörst zu. Du denkst mit. Du fängst auf, du erinnerst, du organisierst, du begleitest.
Vieles davon tust du gern, denn du kannst richtig gut für andere da sein.
Und dann gibt es diese Momente, in denen alle versorgt sind, du endlich auf dem Sofa sitzt, und du dich einfach nur noch leer fühlst. Du warst den ganzen Tag mit deinen Gedanken bei anderen Menschen. Bei dem, was sie brauchen, was sie bedrückt, was sie sich wünschen. Und irgendwo dazwischen taucht eine Frage auf, die du sonst schnell wieder wegschiebst:
Und ich?
Wenn dich diese Frage gerade erwischt hat, bleib einen Moment bei ihr. Es ist gut, dass sie kommt.
Wenn du immer für alle da bist, schaust du zuerst auf die anderen
Ich kenne das gut von mir selbst. Fünf Kinder, später die Enkelkinder. Und dann wurde mein Vater alt und dement, und ich habe mich um ihn gekümmert und um meine Mutter gleich mit. Für andere da zu sein war für mich nie eine Entscheidung. Das war einfach mein Leben.
In dieser Zeit hatte ich mir einen Tag mit meinen alten Schulfreundinnen vorgenommen. Ich hatte mich lange darauf gefreut und morgens mein Handy ausgemacht. Einen Tag lang nicht erreichbar sein.
Mittags habe ich es kurz wieder angeschaltet. 23 Anrufe. Alle von meinen Eltern.
Ich habe mich von meinen Freundinnen verabschiedet und bin sofort losgefahren. Als ich ankam, schauten meine Eltern mich verständnislos an:
„Ja, du warst nicht erreichbar. Da haben wir es einfach immer wieder versucht.“
Es war nichts passiert. Ich stand in ihrer Wohnung und dachte: Irgendwas stimmt hier nicht mit mir.
Heute weiß ich, was es war: Für mich selbst hatte ich in meinem eigenen Leben keinen Platz mehr vorgesehen. Nicht einen einzigen Tag.
Kurz danach ging bei mir eine Zeit lang gar nichts mehr: Ich war nur noch erschöpft und konnte kaum noch arbeiten.
Genau das erlebe ich immer wieder, wenn ich Frauen begleite. Die Frauen, die zu mir kommen, sind selten die, die zu wenig tun. Sie sind die, die alles zusammenhalten. Beruf, Kinder, Eltern, Freundinnen, Partnerschaft. Sie merken, wenn jemand traurig ist, bevor derjenige es selbst merkt.
Und wenn ich frage, was sie selbst gerade brauchen, kommt oft eine lange Pause. Dann ein Satz wie: „Weiß ich gar nicht.“
Du hast dir über Jahre angewöhnt, nach außen zu schauen, weil es dort gebraucht wurde. Nur: Wer nie aufhört, nach außen zu schauen, verbraucht dabei Kraft. Jeden Tag. Auch an den Tagen, an denen scheinbar nichts Besonderes passiert.
Warum du dich selbst zuletzt fragst
Sehr wahrscheinlich hast du früh gelernt, die Stimmung im Raum zu spüren. Zu wissen, wann jemand kippt. Zu merken, was es braucht, damit es allen gut geht.
Für viele Frauen war das eine kluge Lösung. Wenn es den anderen gut ging, war es sicherer. Ruhiger. Dann gab es weniger Streit, weniger Kälte, weniger Angst. Ein Kind, das früh gelernt hat, für Frieden zu sorgen, hat damit gut überlebt.
Was das kostet, zeigt sich erst später. Denn während du deine ganze Aufmerksamkeit nach außen richtest, verlierst du den Draht nach innen. Du weißt genau, wie es allen anderen geht. Deine eigenen Signale erreichen dich immer später. Der Hunger, die Müdigkeit, der Wunsch nach einer Pause. Bis dein Körper irgendwann deutlicher wird.
Wenn du an dieser Stelle tiefer schauen möchtest, findest du in meinem Artikel über Co-Abhängigkeit: Wenn helfen krank macht die Frage, wo du anfängst, dich selbst zu übergehen.
Was es mit deinen Hormonen macht, wenn du ständig für alle sorgst
Hier wird es körperlich. Und dieser Teil ist mir wichtig, weil er zeigt, dass deine Erschöpfung einen ganz konkreten Grund in deinem Körper hat.
Dein Nervensystem unterscheidet nicht zwischen echter Gefahr und der Daueraufgabe, alle im Blick zu behalten. Beides bedeutet: Wachsam bleiben. Um das hinzubekommen, produziert dein Körper andauernd Cortisol, das Hormon, das dich handlungsfähig hält.
Cortisol ist großartig, wenn es kommt und wieder geht. Schwierig wird es, wenn dein Körper es über Monate braucht, ohne dass eine echte Ruhephase dazwischen liegt. Denn dein Körper setzt in dieser Zeit Prioritäten. Alles, was gerade nicht überlebenswichtig scheint, wird zurückgestellt.
Und dazu gehört ein großer Teil deines Zyklus.
Das Progesteron ist das erste Hormon, das darunter leidet. Es ist eigentlich das Hormon, das dich beruhigt, das dich abends müde macht und dich schlafen lässt. Wenn dein Körper wachsam bleibt, produziert er davon oft weniger. Das Östrogen bleibt dabei relativ hoch.
Woran du merkst, dass dein Körper wachsam geblieben ist
Dieses Ungleichgewicht spürst du im Alltag:
- Unruhe in den Tagen vor der Periode
- Tage, an denen dich jede Kleinigkeit trifft
- spannende Brüste
- Nächte, in denen du um drei Uhr wach liegst und dein Kopf sofort die Aufgabenliste durchgeht
Dazu kommt die Schilddrüse, die unter Dauerbelastung häufig einen Gang zurückschaltet. Und der Darm, der bei anhaltendem Stress schlechter arbeitet und damit auch dabei nachlässt, verbrauchtes Östrogen auszuscheiden.
Alles hängt zusammen. Und alles hat denselben Ausgangspunkt: einen Körper, der seit Jahren die Aufgabe hat, für alle da zu sein.
Ausführlicher habe ich das im Artikel Wenn du immer stark sein musst: warum Dauerstress dein Hormonsystem erschöpft beschrieben.
Der Weg zurück beginnt mit einer einzigen Frage
Ich weiß, was jetzt naheliegt. Die Idee, dass du dafür erst mal alles andere regeln müsstest. Ein freies Wochenende, eine Kur, ein Leben mit weniger auf den Schultern.
Das brauchst du nicht. Dein Nervensystem verändert sich durch das, was du oft tust, nicht durch das, was du einmal groß machst.
Die Zwei-Minuten-Frage
- Setz dich einmal am Tag für zwei Minuten hin.
- Leg deine Hände auf dein Herz.
- Stell dir die Frage, die du sonst allen anderen stellst: Was brauche ich gerade?
- Warte ab, was kommt. Ein Wort, ein Gefühl, ein Bild. Alles zählt.
Am Anfang kommt bei vielen Frauen gar nichts. Das ist normal. Nach innen zu spüren ist eine Übung, keine Begabung.
Dazu kommen die Dinge, die deinem Körper direkt Boden geben. Einmal am Tag im Sitzen essen statt zwischen Tür und Angel. Morgens Eiweiß dazu, damit dein Blutzucker nicht schon vor dem Mittag Achterbahn fährt, denn ein schwankender Blutzucker setzt deine Hormone zusätzlich unter Druck. Und gönn dir am Abend zehn Minuten, in denen niemand etwas von dir möchte. Kein Handy, keine Liste. Nur du und dein Atem.
Das klingt unspektakulär. Es ist auch unspektakulär. Und genau deshalb passt es in dein echtes Leben.
Du darfst dich selbst mitnehmen
Du musst dir den Platz bei dir selbst nicht verdienen. Du musst nicht erst alle Aufgaben erledigen, alle Menschen versorgen und alle Erwartungen erfüllen, bis du an die Reihe kommst.
Für andere da zu sein und dich dabei mitzunehmen, geht zusammen. Es ist die Version, die auf Dauer trägt.
Und falls du gerade merkst, dass dein Körper längst deutlicher geworden ist, weil du dauernd erschöpft bist, weil dein Zyklus dir zu schaffen macht, weil du nachts wach liegst: Das musst du nicht alleine sortieren. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, was bei dir dahinter steckt und welcher erste Schritt für dich wirklich passt.
Bis bald, deine Silke



